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Smart, sicher und attraktiv – Digitale Gewerbegebiete & KI-Quartiere

Eine langsam ladende oder hängende Website führt laut einer Studie zu einem ungefähr 38 Prozent höheren Puls. Das ist ungefähr vergleichbar mit dem Anstieg des Pulses, wenn man einen Horrorfilm anguckt. Nicht connected zu sein, ist in der heutigen Welt also der blanke Horror.
Sebastian Kohts, Geschäftsführer WiredScore

Digitalisierung allein macht noch keine Smart City

Die digitale Transformation verändert die Anforderungen an Gewerbegebiete und Quartiere grundlegend. Kommunen müssen digitale Aspekte bereits in der Bauleitplanung berücksichtigen, während Unternehmen ihre Standorte fit für die Zukunft machen. „Smart wird Stadtentwicklung jedoch nicht durch einzelne Anwendungen, sondern durch anschlussfähige Prozesse, belastbare Daten und verlässliche Zusammenarbeit“, sagt Jakob Schackmar, Wissenschaftlicher Referent am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn.
Dabei betont Schackmar den Unterschied zwischen Digitalisierung und Smart City. Digitalisierung beschreibt vor allem die technische Umwandlung und Verfügbarkeit von Daten, effizientere Abläufe, bessere Abstimmung und weniger Reibungsverluste. Smart City geht darüber hinaus, sei ein strategischer Ansatz der Stadtentwicklung: Digitale Technologien werden dabei gezielt eingesetzt, um konkrete Probleme in Bereichen wie Nachhaltigkeit oder wirtschaftlicher Entwicklung zu lösen.
Für die Praxis schlägt Schackmar drei Prüfsteine vor, um sinnvolle Smart-City-Maßnahmen zu erkennen: (1) Löst die Maßnahme ein konkretes Problem oder verbessert sie Daseinsvorsorge, Teilhabe oder Klimaresilienz? (2) Ist sie strategisch eingebettet, also organisatorisch und strukturell verankert? (3) Schafft sie messbaren Nutzen und ist sie langfristig tragfähig sowie anschlussfähig? Im Bundesprogramm „Modellprojekte Smart Cities“ (MPSC) entwickeln über 90 Kommunen neue Ansätze. Im Fokus stehen integrierte Strategien statt isolierter Einzelprojekte. „Technik ist selten das Nadelöhr in der Stadtentwicklung“, sagt Schackmar. „Die Organisation schon eher.“

Intelligentes Energiemanagement

Auch für ein intelligentes Energiemanagement ist das Zusammenspiel von Daten, Infrastruktur und Nutzung entscheidend. Das europäische Projekt GEMS (Green Energy Management Systems for Business Parks) zielt darauf ab, nachhaltige Energiemanagementlösungen für Gewerbegebiete zu entwickeln. Im Kern geht es darum, die Energieflüsse in Echtzeit zu analysieren und zu steuern.
Im Zentrum steht dabei die Transformation von Standorten. Danny Nils Schneider von der Wirtschaftsförderung Region Kassel und Projektleiter bei der Fördergesellschaft für innovative Dienstleistungen und Techniken (FidT) erklärt das am Beispiel eines ehemaligen Militärgeländes, das zu einem energieeffizienten, vernetzten und zukunftsfähigen Wirtschaftsstandort wird. Bereits heute sind dort mehr als 90 Unternehmen angesiedelt.
Die vorhandene Infrastruktur – Gebäude, Energieanschlüsse oder Ladepunkte für E-Mobilität – wird nun durch ein intelligentes Energiemanagement ergänzt. Technisch basiert das System auf dem Konzept eines digitalen Zwillings, wie Leon Klinar ausführt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Darmstadt, die das Projekt begleitet. Beim digitalen Zwilling wird das reale Energiesystem mit Komponenten wie Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen oder Batteriespeichern in einem digitalen Modell abgebildet. Dieses Modell nutzt mathematische Optimierungsverfahren, um verschiedene Szenarien zu berechnen und die beste Lösung zu identifizieren. Im Betrieb ermöglicht es dann eine kontinuierliche Optimierung in Echtzeit.

Konnektivität als Trumpf

Neben einem effizienten Energiesystem zeichnen sich nachhaltige Gewerbegebiete der Zukunft durch Nutzungsflexibilität, Flächeneffizienz und digitale Konnektivität aus, wie Ralph Gumb, Geschäftsführer von VarioPark, erläutert. Das Unternehmen hat sich auf die Projektentwicklung auf ungenutzten, brachliegenden Grundstücken spezialisiert, betreibt selbst mehrere Gewerbeparks. „Die Zukunft entscheidet sich nicht an der Geschwindigkeit des Bauens, sondern an der Geschwindigkeit von Innovation, Daten und Energie“, sagt er.
Während das Telefon Jahrzehnte benötigte, um relevant zu werden, erreichen moderne Technologien wie KI-Anwendungen innerhalb weniger Monate Millionen Nutzer. Diese Dynamik stellt insbesondere die Immobilienbranche vor große Herausforderungen, da Gebäude langfristig geplant und genutzt werden, während sich Anforderungen von Unternehmen und Technologien ständig verändern.
Ein Schlüsselfaktor ist digitale Konnektivität. In einer zunehmend datengetriebenen Wirtschaft sei eine stabile und leistungsfähige Internetanbindung essenziell, erklärt Sebastian Kohts, Geschäftsführer des Unternehmens WiredScore. „Eine langsam ladende oder hängende Website führt laut einer Studie zu einem ungefähr 38 Prozent höheren Puls“, sagt er. „Das ist vergleichbar mit dem Anstieg des Pulses, wenn man einen Horrorfilm anguckt. Nicht connected zu sein, ist in der heutigen Welt also der blanke Horror.“ Fehlende Konnektivität sei ein echter Standortnachteil. Um diese Qualität messbar zu machen, hat WiredScore ein Zertifizierungssystem entwickelt, das Gebäude nach ihrer digitalen Infrastruktur bewertet.

Weg vom Ego-System – der IPAI-Campus in Heilbronn

„Innovation entsteht dort, wo Menschen, Ideen und Technologien zusammenkommen – nicht im Alleingang, sondern im vernetzten Ökosystem“, sagt Tim Schmitt, Head of Corporate Real Estate vom IPAI-Campus in Heilbronn. IPAI steht für Innovation Park Artificial Intelligence. Das ambitionierte Projekt soll künstliche Intelligenz aus der Forschung in die praktische Anwendung bringen. Begonnen hat alles mit einer Initiative des Landes Baden-Württemberg, das 2018 einen Wettbewerb zur Standortentwicklung für KI-Anwendungen startete. 2020 fiel die Entscheidung zugunsten Heilbronns.
Auf rund 30 Hektar sollen etwa 5.000 Arbeitsplätze entstehen, eingebettet in ein offenes, urbanes Quartier mit Büros, Wohnraum, Reallaboren und öffentlichen Flächen. Der Baustart war 2025, die ersten Gebäude sollen bis 2027 fertiggestellt werden. Bereits heute gibt es über 120 Partner – von globalen Unternehmen über Start-ups bis hin zu renommierten Institutionen wie der TU München.
Ziel ist eine Umgebung, die Innovation fördert und gleichzeitig Lebensqualität bietet. Dabei gilt das Prinzip „Always Beta“: Der Campus ist nie fertig, sondern entwickelt sich kontinuierlich weiter – angepasst an technologische und gesellschaftliche Veränderungen und weg vom „Ego-System“ hin zum „Ecosystem“. Denn die Herausforderungen rund um KI sind oft ähnlich und lassen sich gemeinsam besser bewältigen, wie Schmitt sagt.

Links zu smarten Gewerbegebieten

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/startseite/_node.html
Fördergesellschaft für innovative Dienstleistungen und Techniken mbH:
https://www.fidt.de/
EU-Projekt Green Energy Management Systems for Business Parks (GEMS)
https://gems.nweurope.eu/
IPAI Heilbronn
https://ip.ai/
Text: Stephan Köhnlein

Weitere Termine und Themen finden Sie auf der Übersichtsseite. (www.ihk-rlp.de/zukunft-gewerbegebiete-2026)