Land der unbegrenzten Herausforderungen

DAWT: Interview mit Gerrit Ahlers (AHK Chicago)

Zölle, „Buy American“ und geopolitische Spannungen sorgen für Unsicherheit – und doch investieren deutsche Unternehmen weiterhin Milliarden in den USA. Widerspruch oder strategische Notwendigkeit? Gerrit Ahlers erklärt, warum der US-Markt trotz veränderter Spielregeln chancenreich bleibt. Der Vice President der Auslandshandelskammer USA-Chicago kommt im Sommer als Referent zum Deutsch-Amerikanischen Wirtschaftstag nach Mainz.

Herr Ahlers, lohnt es sich für Unternehmer zurzeit überhaupt, sich mit den USA zu befassen?
Zölle, protektionistische Rhetorik und geopolitische Unsicherheiten prägen derzeit viele Schlagzeilen über die USA. Doch wer den Blick nur darauf richtet, übersieht eine zentrale Entwicklung: Die USA bleiben 2026 einer der dynamischsten und strategisch wichtigsten Wirtschaftsräume für deutsche Unternehmen – allerdings unter deutlich veränderten Vorzeichen. Die Spielregeln haben sich verschärft. Die Chancen sind jedoch keineswegs verschwunden, sondern haben sich verlagert. Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt, den Markt nicht vorschnell abzuschreiben, sondern gezielt in lokale Netzwerke, Partnerschaften und Präsenz zu investieren.
Wie entwickelt sich die Wirtschaft in den USA?
Tatsächlich befindet sich die US-Wirtschaft mitten in einer industriellen Renaissance. Getrieben durch umfangreiche Infrastrukturprogramme und industriepolitische Initiativen wie den – in seiner Grundstruktur weiterhin stabilen – Inflation Reduction Act fließen Milliarden in den Aufbau und die Stärkung heimischer Lieferketten. Ziel ist es, Abhängigkeiten zu reduzieren und industrielle Wertschöpfung stärker ins Land zu holen.
Welche Chancen entstehen daraus für deutsche Unternehmen?
Für deutsche Unternehmen eröffnen sich daraus neue Marktchancen, weil die Technologien, das Know-how und die Erfahrung, die für die Modernisierung und Automatisierung von Anlagen sowie die Optimierung industrieller Prozesse erforderlich sind, zu den Kernkompetenzen deutscher Firmen zählen. Der anhaltende Fachkräftemangel in den USA verstärkt die Nachfrage nach Automatisierung, Robotik und Effizienzlösungen – klassische deutsche Stärken. Gleichzeitig entstehen im Gesundheitswesen durch eine alternde Bevölkerung und regulatorische Anpassungen, etwa bei der Begrenzung von Medikamentenzuzahlungen, neue Absatzmöglichkeiten für Medizintechnik, pharmazeutische Produktionstechnologien und innovative Therapien.
Wie entwickeln sich die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen aktuell?
Dass die aktuelle Entwicklung konkrete Investitionsentscheidungen nach sich zieht, zeigen Beispiele deutscher Unternehmen vor Ort. Zum Beispiel: Vetter Pharma investiert rund 285 Millionen US-Dollar in den Ausbau eines Produktionsstandorts in Chicago, Illinois, während Weiss Technik seine Präsenz in Michigan mit einem 25-Millionen-US-Dollar-Investment in Kentwood bei Grand Rapids ausbaut. Solche Projekte stehen exemplarisch für eine breitere Bewegung: Deutsche Unternehmen setzen auf lokale Produktion, Service-Strukturen und Kundennähe, um Handelsrisiken abzufedern und Marktanteile zu sichern. Insgesamt sind rund 6.200 deutsche Firmen in den USA aktiv und beschäftigen etwa 870.000 Menschen. Große Konzerne wie Siemens, BMW, Volkswagen oder Mercedes-Benz investieren Milliarden in Produktion, Elektromobilität, Batterietechnologien und neue Werke, um Wertschöpfung lokal zu sichern und nahe am Kunden zu agieren.
Wird denn auch weiter wechselseitig investiert?
Trotz schwacher europäischer Konjunktur, Handelskonflikten und geopolitischer Unsicherheiten blieben die Aktivitäten für Fusionen und Übernahmen zwischen Deutschland und den USA 2025 überraschend robust. Deutsche Unternehmen treiben zahlreiche grenzüberschreitende Transaktionen voran, darunter Siemens’ Erwerb von Dotmatics, Merck KGaAs Kauf von SpringWorks oder Infineons Übernahme des Automotive-Ethernet-Geschäfts von Marvell jeweils in Milliardenhöhe. Gleichzeitig verstärkten US-Unternehmen ihr Engagement in Deutschland deutlich: Sie übertrafen bereits zur Jahresmitte 2025 den Investitionswert von 2024 und tätigten mehr als 50 Deals, darunter Proofpoints Übernahme von Hornetsecurity und das TPG-geführte Konsortium bei Techem.
Warum wird, allen Negativ-Nachrichten zum Trotz, weiter so stark investiert?
Treiber sind strategische Kaufmotive, vorteilhafte Wechselkurse, die stabile US-Inflation und Zinslage sowie Energie- und Standortvorteile. Volatilität wird dabei zunehmend als Normalzustand akzeptiert. Erfolgreiche Akteure fokussieren sich stärker auf strategische Passung, Integrationsfähigkeit und langfristige Synergien. Auch aus der Praxis bestätigt sich dieser Trend: Wir als AHK USA-Chicago beobachten seit Monaten einen deutlichen Anstieg an Anfragen deutscher Unternehmen, insbesondere mit Blick auf Markteintritt, Technologiekäufe und lokale Skalierung. Die Volatilität der Märkte wirkt dabei weniger abschreckend als noch vor einigen Jahren.
Welche Hemmnisse sehen Sie – und wie lassen sie sich aushebeln?
Protektionistische Tendenzen und „Buy American“-Programme können Exporte aus Deutschland verteuern und erhöhen den Druck zur lokalen Wertschöpfung. Gerade deshalb gewinnen lokale Netzwerke massiv an Bedeutung. Wer Förderprogramme kennt, Beziehungen vor Ort aufbaut und die Logik der Bundesstaatenentscheidungen versteht, verschafft sich entscheidende Vorteile. Hier kommt das AHK-Netzwerk in den USA ins Spiel: Mit unserer langjährigen Erfahrung und Expertise unterstützen wir deutsche Unternehmen gezielt dabei, diese Hemmnisse zu überwinden, die richtigen Partner zu finden, Finanzierungs- und Standortfragen zu klären und kulturelle sowie strukturelle Unterschiede im Geschäftsalltag zu berücksichtigen.
Welche Bedeutung hat die USA auf Sicht als deutscher Handelspartner?
Das Fazit fällt klar aus: Die USA bleiben auch 2026 ein überaus wichtiger Handelspartner Deutschlands außerhalb der EU – jedoch nicht mehr nur als Absatzmarkt. Der Fokus verlagert sich hin zu lokaler Präsenz, strategischen Partnerschaften und regionaler Wertschöpfung. Kurzfristig bremsen Zölle und politische Unsicherheiten Investitionen. Langfristig bleibt der US-Markt für deutsche Unternehmen unverzichtbar. Erfolgreich sind jene, die ihre Markteintritts- oder Lokalisierungsstrategie realistisch planen, kulturelle und strukturelle Unterschiede frühzeitig berücksichtigen und Finanzierung, Standortwahl sowie Netzwerkaufbau professionell vorbereiten. Wer den Mut zur Anpassung aufbringt, findet in den USA weiterhin einen der chancenreichsten Märkte weltweit.
Torben Schröder, freier Journalist

Deutsch-Amerikanischer Wirtschaftstag 2026 in Mainz
Der Deutsch-Amerikanische Wirtschaftstag kommt erstmals nach Mainz: Am 9. Juni wird die Coface-Arena zum Treffpunkt für führende Persönlichkeiten, Experten und Innovatoren von beiden Seiten des Atlantiks. In Diskussionen, Workshops und beim Networking steht die Zukunft der transatlantischen Wirtschaft im Fokus. Veranstalter des Großevents sind die Deutsch-Amerikanischen Handelskammern und die IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz.
„Die Veranstaltung richtet sich an alle Unternehmen deutschlandweit, die bereits mit den USA im Geschäft sind oder neu in den Markt starten möchten“, sagt Karina Szwede, Hauptgeschäftsführerin der IHK Rheinhessen. Ob zur Markterkundung, um Partnerschaften auszubauen oder die eigene Marke zu stärken – der DAWT 2026 biete den idealen Rahmen, um Kontakte zu knüpfen, Ideen auszutauschen und neue Perspektiven zu gewinnen. Vertreter aus zehn US-Bundesstaaten haben sich bereits angekündigt.
„Der DAWT bietet die Chance, sich die aktuellsten Informationen für seine Geschäftstätigkeit aus erster Hand zu holen“, sagt Szwede. „Gerade angesichts der aktuellen Unsicherheit ist es wichtig, im Austausch zu bleiben. Schließlich bietet der US-Markt enorme Potenziale.“ Weitere Informationen und Tickets gibt es unter: da-wt.com